Im Verlauf des letzten Jahrhunderts erfuhr die menschliche Sinnhierarchie gleich mehrere Destabilisierungen: Die technischen Konservierungsmedien Fotografie und Grammophon hatten den Körper gespalten, das Bild von der Stimme abgetrennt. Mit Film, Radio, Tonfilm veränderten sich die überlieferte Ordnung und die Koordination der natürlichen Sinne, und gleichzeitig setzte unter Künstlern und Wissenschaftlern die Diskussion ein, ob die Sinne tatsächlich eine ‚Natürlichkeit‘ besäßen oder sie ein Produkt der Kultur seien.In vier Kapiteln verfolgt das neue Buch von Oksana Bulgakowa die Neuordnung des fi lmischen Hörens, das Verständnis des filmischen Sehens und die revidierte Bestimmung des Sichtbaren, die Formung des idealen Körpers eines Filmstars und seine Ausstattung mit neuer Motorik im sowjetischen Film der 1930er Jahre. Eisensteins Theoriebildung, die für die Anstrengungen dieser Zeit eine Sprache zu fi nden versucht, analysiert die Vergegenständlichung der Denkfiguren in der freien Assoziationslogik der Montage. Auf dieselbe Weise setzt SINNFABRIK | FABRIK DER SINNE die filmischen Sinn-Welten der 30er Jahre – das mediale Ohr, das Film-Auge, den Leinwand-Körper und das Film-Gehirn – zu einer imaginären Einheit zusammen.